Mechanische Werbefiguren, Automaten

• Turner im Clownskostüm,

   um 1890, Sonneberg, Hermann Sembach

• Strickende Großmutter,

   um 1915, Sonneberg, Hermann Sembach

• Ausklingler, um 1910, Sonneberg,

   vmtl. Edmund Müller & Sohn

• Zauberer, um 1910, Sonneberg,

   vmtl. Edmund Müller & Sohn

• Frau am Spinnrad, um 1920, Sonneberg,

   vmtl. Edmund Müller & Sohn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die fünf Figuren aus dem Besitz des Museums sind hochkompliziert konstruierte Schaustücke, die zu Werbezwecken auf Ausstellungen und Messen eingesetzt wurden. Es handelt sich um Exponate mit ausgesprochenem Seltenheitswert. Sie verkörpern das Können der Sonneberger Spielzeughersteller zur Blütezeit der Spielzeugherstellung in Sonneberg. Sie bewirken die Illusion des Lebendigen, mit der sie bis heute ihre Betrachter faszinieren. Vorbilder waren die berühmten französischen Figurenautomaten. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt als deren »goldene Zeit«.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Restaurierung

2013/2014 Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Fachbereich Konservierung und Restaurierung/Grabungstechnik

Leitung: Prof. Ruth Keller

Tutorin: Dipl.-Rest. Christina Siegert

Studierende des Fachbereichs Restaurierung und Konservierung/Grabungstechnik: Kathrin Arndt, Judith Gebauer, Anne Wolfrum, Franziska Klinkmüller, Lisa Graf, Laura Niklas

 

Restaurierung der textilen Bestandteile:

Dipl.-Rest. Erika Brand, Dipl.-Rest. Kerstin Flemming

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sponsoring der Restaurierungsleistungen (exklusiv): Sparkasse Sonneberg

 

Als die Leitung des Deutschen Spielzeugmuseums vor rund zwei Jahren erste Kontakte zu Prof. Ruth Keller aufnahm, war noch nicht zu ahnen, welche Bedeutung das Projekt »Restaurierung der mechanischen Werbefiguren« für das Deutsche Spielzeugmuseum erlangen würde. Der Fachbereich Restaurierung und Konservierung/Grabungstechnik der HTW Berlin bot für dieses Projekt optimale Bedingungen. Das restauratorische Konzept schloss die Erhaltungsbedingungen für die Objekte ein, und so mündete dieses Restaurierungsprojekt in ein eigenes Vitrinenprojekt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Um nicht die Vereinzelung sondern einen lebendigen und großzügigen Kontext zu bilden, entstand der Plan, diese Figuren in einer Großvitrine zu präsentieren. Die komplexe, mit konventionellen Vitrinen nicht lösbare Situation, dass die Puppen je sowohl einen Wärme generierenden »Technikraum« als auch die darüber liegende Anlage der Figur mit entsprechenden Accessoirs aufweisen, kann zudem durch eine alle fünf Figuren integrierende Einhausung besser bewältigt werden. Auch ist die notwendige sowohl mechanische als auch materialtechnische Pflege durch eine begehbare Vitrine deutlich vereinfacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So schön die Stelle für die ästhetische Wirkung der Puppen auch ist, so problematisch ist diese aus klimatechnischen Gründen. Baumaterialien mit im Verhältnis zum Raum nur geringem Wasserrückhaltevermögen, große Fensterflächen und der nach oben offene Treppenraum sowie ein Eingangsbereich ohne Windfangs lassen eine klima- und lichttechnisch adäquate Präsentation der Figuren zu einer nicht ganz einfachen Aufgabe werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die mechanischen Figuren

Die Puppen bestehen aus pappe maché und Holz. Sie sind mit einem aus unterschiedlichen Kreiden aufgebautem Inkarnat versehen, das aufgrund vielfältiger Übermalungen und der stetig rüttelnden mechanischen Bewegungen leicht zum Abplatzen neigt. Sie wurden im Zuge der aktuellen Konservierung und Restaurierung partiell gefestigt, bleiben aber durch Änderungen von Temperatur und dadurch relativer Luftfeuchtigkeit gefährdet.

Die zu einem Teil noch aus der Zeit der Entstehung stammenden textilen Abdeckungen und die Kleidung der Puppen, sind v.a. durch Lichtabbau zum Teil bereits hoch fragil. Sie benötigen unbedingt einen ausreichenden Schutz vor Lichteinwirkung und eine große Distanz zur Beleuchtungsquelle, denn die auf die Materialien einwirkenden Energiemenge nehmen umgekehrt exponentiell zum Abstand zwischen Lichtquelle und Objekt ab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die im Hohlraum von Körper und Gliedmaßen verborgene Mechanik der Puppen besteht jeweils aus div. Eisen- und Kupferlegierungen und sowohl zink- als auch aluminium- und ev. magnesiumhaltigen Bauteilen. Diese Metalle machen besonders im Technikraum eine geringere relative Feuchtigkeit notwendig als im Hauptraum mit den Puppen. Sie erfordern eine kontinuierliche Pflege – auch bei Stillstand.

Der Antrieb und die den Ablauf der mechanischen Bewegungen steuernden Nockenwellen waren ehemals unmittelbar unter dem jeder Figur zugehörigen Podest als ein von einer Feder angetriebenes Uhrwerk montiert. Heute werden sie, ausgehend von einem Elektromotor, über Transmission angetrieben. Antrieb und Nockenwellen befinden sich daher unterhalb der Puppen in einem gesonderten Technikraum, der in den aktuellen Vitrinen jeweils über eine natürliche Belüftung verfügt, die ausreicht, um die da entstehende Wärme abzuführen. Eine nur geringe Öffnung für den Durchgang der mechanischen Kraftübertragung in Form von Gestänge oder Draht machte es möglich, dass nur wenig Wärme in den Präsentationsraum der Vitrinen aufsteigen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hausvitrinen für mechanische Puppen

Ziel war es, die Puppen in einer Großvitrine so unterzubringen, dass diese klimatechnisch weitgehend unabhängig von der Umgebung ist und ohne Klimaanlage funktioniert.

Für die mechanischen Puppen wurde eine doppelgeschossige Großvitrine gebaut werden, die für die Pflege von Technik sowohl in den Puppenkörpern selbst als auch im Technikraum, also im »Hauptgeschoss« und dem »Untergeschoß« der Vitrine zugänglich und zum Teil begehbar ist. Gedacht war an eine Art von großem Schaufenster, das einen Blick in den Technikraum genauso zulässt wie es möglich ist im großen Hauptgeschoss fünf Puppen als Ensemble zu bewundern und einen Film mit ihren Bewegungen anzusehen. …

Es war aus konservatorischer Sicht notwendig, dass die Vitrine im Sinne eines klimatechnisch von der Umgebung unabhängigen Gebäudes aus Materialien gebaut wurde, die ein ausreichendes Sorptionsvermögen aufweisen, um auch bei sich leicht verändernden Temperaturen die Objekte keinen schnell auftretenden oder hohen Dampfdruckdifferenzen auszusetzen. Allmähliche, über Wochen sich einstellende leichte Veränderungen sind unproblematisch. Keinesfalls dürfen tägliche Veränderungen vorkommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch war auf ein ausreichendes Wärmerückhaltevermögen der Materialien zu achten und das Licht möglichst mit Bedacht so von außerhalb der Vitrine zu leiten und v.a. auch zu streuen, dass die Textilien kaum mehr beeinträchtigt werden.

Als geeignete Materialien wurden gewählt: ungebrannter Ziegel; ein traditioneller Kalkputz, der sowohl einen Teil von Luftschadstoffen zu absorbieren vermag als auch sich in der Sorptionsfähigkeit hervorragend für diesen Zweck eignet. (Gips wäre bezüglich des Sorptionsverhaltens auch denkbar, verfügt aber leider nicht über das Absorptionsvermögen für Schadstoffe.)

Als Abdeckung wurde ein modernes Zellulosematerial gewählt, das aufsteigende Feuchtigkeit, die durch z.B. Abkühlung entstehen kann, zügig einzubinden vermag und sie aber auch recht schnell wieder abgibt.

Wichtig war es, das Rückhaltevermögen bezogen auf den Raum bauphysikalisch zu berechnen und eine sinnvolle Lösung für den Wärme- und Kälteschutz durch das »Schaufenster« und den UV-Schutz ev. an der Beleuchtungsquelle zu sorgen.

 

Der Bau der Vitinen und die Langzeitstudie fanden dankenswerterweise die Projektförderung des Thüringer Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur.